Alles Wut? Der Einfluss von Emotionen auf die Wahrnehmung und Wirkung von TV-Debatten am Beispiel der Bundestagswahl 2017

Thomas Waldvogel

Zeitschrift für Politikwissenschaft

Lange Zeit dominierten kognitive Zugänge die politik- und kommunikationswissenschaftliche Debattenforschung in Deutschland. Wir argumentieren in diesem Beitrag, dass Rezipienten eine Fernsehdebatte nicht nur durch ihre eigene parteipolitische Brille selektiv wahrnehmen, sondern deren emotionalen Zustände die Verarbeitung politischer Informationen, die Wahrnehmungsprozesse aber auch die politische Urteils- und Einstellungsbildung maßgeblich beeinflussen. Auf Basis von Echtzeit- und Umfragedaten von 1191 Studienteilnehmern im Rahmen einer Feldstudie zu einer TV-Debatte der Bundestagswahl 2017 zeigen wir, dass die Kandidaten unterschiedliche Emotionen unter den Rezipienten evozieren, welche sich entlang von Parteibindungen strukturieren. Zweitens wird deutlich, dass stark ausgeprägte Emotionen sowohl in der zeitlichen Dynamik als auch interindividuell zu signifikant unterschiedlichen Wahrnehmungen führen und gleichzeitig die Homogenität innerhalb emotionaler Teilgruppen erhöhen können. Dabei hat die Valenz, verstanden als Differenzierung zwischen positiven und negativen Emotionen, einen entscheidenden Einfluss auf die Echtzeitbewertungen der Kandidaten. Drittens zeigen wir, dass Emotionen die strukturellen Wirkmechanismen der Debattenrezeption auf nachgelagerte Einstellungen wie die Urteile über die Debattenleistung und die Kandidatenevaluation systematisch beeinflussen. Insgesamt finden wir empirische Evidenz dafür, dass ein einfaches duales Prozess-Modell über die Wirkung von Emotionen, welches deren Valenz in den Mittelpunkt stellt und auf einem bipolaren Kontinuum abbildet, eine hohe Konformität mit unseren Daten aufweist.

Das »Debat-O-Meter« als neues Tool in der E-Partizipation

Uwe Wagschal, Thomas Metz, Thomas Waldvogel, Bernd Becker, Linus Feiten, Samuel Weishaupt

Demokratie im 21. Jahrhundert

»Frau Merkel [...] [w]enn Sie den Wahl-O-Mat ehrlich ausfüllen, sind Sie sicher, dass da unten CDU rauskommt oder nicht etwa doch SPD?« Mit seiner unkonventionellen Eingangsfrage beim TV-Duell zur Bundestagswahl 2013 suchte der Moderator Stefan Raab nicht nur eine pointierte Eröffnung der Diskussionsrunde, sondern griff auch eine von Kritikern regelmäßig beklagte inhaltliche Übereinstimmung zwischen den Spitzenkandidaten von Union und SPD auf. Dieses Mysterium kursiert seit vielen Jahrzehnten in der politikwissenschaftlichen Literatur. Otto Kirchheimer klassifizierte bereits 1965 die Volksparteien als kaum mehr unterscheidbare »Allerweltsparteien«: »Sie gibt die Versuche auf, sich die Massen geistig und moralisch einzugliedern, und lenkt ihr Augenmerk in stärkerem Maße auf die Wählerschaft; sie opfert also eine tiefere ideologische Durchdringung für eine weitere Ausstrahlung und einen rascheren Wahlerfolg«. Den Wandel zu einer »Catch-All-Party« versteht Kirchheimer als direkte Folge des politischen Wettbewerbs. Mit dem Ziel eines Wahlerfolges vor Augen passen sich Parteien dem erfolgreichen Stil des Kontrahenten an. Inhaltliche Auseinandersetzungen und Opposition vollziehen sich lediglich entlang von Allgemeinplätzen, »die vage genug sind, um die Partei als Konkurrentin erscheinen zu lassen,
die diese Fragen zumindest ebenso gut in die Hand nehmen kann wie die jeweilige Regierung.« Angestrebte Handlungsweisen bleiben allgemein und unkonkret. Die wichtigste Funktion einer Allerweltspartei sieht Kirchheimer in der Auswahl und Nominierung des politischen Spitzenpersonals, das die Wähler in Wahlen legitimieren soll.

TV-Duelle und Landtagswahlen: Ein wirkungsvolles Instrument der Wahlkampfkommunikation?

Thomas Waldvogel

ZfP Zeitschrift für Politik

Während in der empirischen Debattenforschung vielfältige Befunde für die vor der Bundestagswahl stattfindenden TV-Duelle vorliegen, fehlen Studien mit einer vergleichbaren Schärfe und Tiefe zu TV-Diskussionen zu Landtagswahlen weitestgehend. Der vorliegende Beitrag untersucht deshalb anhand von drei TV-Duellen zu den Landtagswahlen in Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen im Wahljahr 2017, inwieweit sich Befunde zu den weithin intensiv untersuchten Kanzlerduellen auch für TV-Debatten auf Landesebene validieren lassen. Hierzu nutzen wir Daten aus Feldstudien, die mit dem Debat-O-Meter erhoben wurden - einem virtualisierten Messinstrument zur Erfassung von Umfragedaten und Echtzeitreaktionen zu politischen TV-Debatten. Wir kommen zum Ergebnis, dass landespolitische TV-Duelle sehr differenziert von den Rezipienten wahrgenommen werden und es vor allem Angriffe, aber auch konkrete Selbstpräsentationen sind, die politische Voreinstellungen aktivieren und zu einer polarisierten Wahrnehmung der Kandidatenaussagen führen, wobei diese Prozesse wiederum von Duell zu Duell und Kandidat zu Kandidat variieren. Diese Variation gilt auch für die Wirkstruktur der Debattenrezeption, die sich auf die Probanden entfaltet. Unsere Strukturgleichungsmodelle folgen dabei im Wesentlichen dem aus Untersuchungen zu den Kanzlerduellen bekannten Muster. Sie belegen, dass die Rezeption eines TV-Duells signifikante Wirkungen auf die retrospektive Leistungsbewertung und Kandidatenpräferenz zeitigt und damit die landespolitische Urteils- und Einstellungsbildung wesentlich beeinflusst. Darüber hinaus können wir in der Analyse der Determinanten für die Direktwahl-Absicht darlegen, dass die Duellperformanz politische Verhaltensabsichten erklären kann. Der Beitrag zeigt, dass TV-Debatten wirkungsvolle Instrumente der landespolitischen Wahlkampfkommunikation sind und dass die Analyse von TV-Duellen auf Landesebene anschlussfähig an bestehende Befunde und Methoden im Forschungsbereich ist.

Measuring real-time response in real-life settings

Thomas Waldvogel, Thomas Metz

International Journal of Public Opinion Research

Real-time response (RTR) measurement is an important technique to assess human processing of information. Ever since Maier et al. verified the reliability and validity of physical RTR devices in this journal a decade ago, there has been a growing trend toward virtual measurement platforms to overcome the limitations of conventional, laboratory-based methods. We introduce the Debat-O-Meter, a novel online RTR platform for mobile devices, which allows researchers to measure how viewers perceive political debates in the setting of their private homes. We draw on a large study (N = 5,660) conducted during the 2017 German general election campaign and show that virtualized measurement indeed facilitates diverse and large N field studies while simultaneously conforming to established standards of reliability and validity.

Applying virtualized real-time response measurement on TV-discussions with multi-person panels

Thomas Waldvogel

Statistics, Politics and Policy

Televised debates are major events in electoral campaigns, serving voters as a substantial source of political information and reaching millions of
the potential electorate. Scholars have made use of this potential by applying Real-Time Response Measurement (RTR) to assess reception and perception pro-
cesses. However, RTR-research has yet almost exclusively focused on duel scenarios. In this paper, we argue that the focus on the duel format in political and communication science research is inappropriate. Thus, we apply virtualized RTR on TV-debates with a multi-person panel. Drawing on data of two field studies (n = 1191/1058) conducted with the Debat-O-Meter – an innovative virtualized RTR-Measurement toolbox – in the course of the 2017 federal election in Germany, we show that virtualized RTR-Measurement can indeed produce valid and reliable data regarding TV-discussions with a multi-person podium. Additionally, we find perception processes to be primarily shaped by party identification and prior political preferences such as candidate orientation. Furthermore, our results give strong evidence that candidate preferences are substantially affected by debate reception. Overall, our data follows an established structure well-known from research on TV-duels. As such, research on TV discussions with a multi-person panel is compatible with the existing repertoire of methods, offers great potential for political communication research and provides results that can be linked to current findings in empirical debate research while making its own contribution to the research field.

Das TV-Duell Timmermans gegen Weber: Wahrnehmung und Wirkungen von TV-Debatten am Beispiel der Europawahl 2019

Thomas Waldvogel

ZParl Zeitschrift für Parlamentsfragen

While the perception processes and effects of political TV duels at the (sub-)national level have been examined in great detail, studies with a similar scope of analytical profoundness and detail for TV duels at the European level are largely lacking . Therefore, the perceptions and effects of the duel between Manfred Weber (EVP) and Frans Timmermans (S&D) on the perception of the debate’s winner, the attitudes towards the candidates and voting intentions under consideration of the real-time reactions (RTR) of its viewers are analysed . In addition to the duel’s general perception, one can identify the determinants of the verdicts on the debate’s winner, the candidate evaluations including their images as well as the voting intentions of our study participants and show that the debate’s reception has significant effects . Aside from political predispositions, it is primarily the immediate perception during the debate, captured by real-time-response measurement that possesses great explanatory power . The data verify that the duel’s reception at the European level has significant effects on political cognitions, motivations, and audiences’ attitudes and therefore can be regarded as an effective instrument in European election campaigns . Such duels have the potential to contribute to the strengthening of the democratic quality of the European Union .

Alle gegen Alle? Die Mehrpersonendebatte der kleinen Parteien in der Analyse

Uwe Wagschal, Thomas Waldvogel, Thomas Metz, Samuel Weishaupt, Linus Feiten, Bernd Becker, Kamal Singh

Die Bundestagswahl 2017

Der Beitrag analysiert eine TV-Debatte zur Bundestagswahl 2017 mit einem Mehrpersonenpodium unter Beteiligung der „kleinen“ Parteien. Auf Basis von Echtzeit- und Umfragedaten formuliert der Beitrag nach eingehender Analyse fünf zentrale Befunde: 1) Je weiter politisch die Debattenteilnehmer auseinanderliegen, desto polarisierter und konfliktiver ist die Debatte. 2) Anhänger, die sich politisch einem Lager zurechnen bewerten auch den bzw. die Repräsentanten dieses Lagers deutlich besser. 3) Debattenteilnehmer anderer politischer Lager werden systematisch schlechter bewertet. 4) Ein besonderer Bias durch die Moderation liegt für die untersuchte Debatte nicht vor. 5) Die direkte Bedeutung von TV-Debatten für die Wahlentscheidung ist begrenz

Real-Time-Response-Messungen

Thomas Waldvogel, Thomas Metz

Neue Trends in den Sozialwissenschaften

Real-Time-Response-Messungen (RTR) ermöglichen die rezeptionsbegleitende Erfassung individueller und subjektiver Reaktionen auf audio-visuelle Stimuli – was beispielsweise zur Analyse von Live übertragenen (politischen) Debatten oder TV-Duelle ein hilfreiches Analyseinstrumentarium darstellen kann. Der Beitrag führt in die Entwicklung der RTR-Messung ein, bespricht Vor- und Nachteile spezifischer Eingabemethoden (z. B. Push-Button vs. Slider), diskutiert Reliabilität und Validität der so gesammelten Daten und zeigt auf, welches enorme Innovationspotenzial in der Virtualisierung der Eingabegeräte steckt. Der Beitrag gibt zudem Hinweise zur praktischen Umsetzung von RTR-Messungen und bespricht die Vielzahl an Auswertungsstrategien, die zur Verfügung stehen, sobald RTR-Daten erst einmal vorliegen.

Das Debat-O-Meter: ein neues Instrument zur Analyse von TV-Duellen

Thomas Metz, Uwe Wagschal, Thomas Waldvogel, Marko Bachl, Linus Feiten, Bernd Becker

Zeitschrift für Staats-und Europawissenschaften (ZSE)/Journal for Comparative Government and European Policy

Live im Fernsehen übertragene Debatten zwischen politischen Spitzenkandidaten (TV-Duelle) sind das wohl augenfälligste Kennzeichen einer medial vermittelten Massendemokratie. Als US-Import 2002 erstmals zur Bundestagswahl eingesetzt, hat das Format schnell seinen Platz in deutschen Wahlkämpfen erobert. Wichtigster Grund hierfür ist, dass der Breitenwirkung von TV-Duellen das Potenzial zugeschrieben wird, den Wahlkampf entscheidend zu beeinflussen. Die Wirkung von TV-Duellen verbindet sich mit mehreren Aspekten: Zunächst erreicht kein anderes Wahlkampfereignis derart viele Wähler; so sahen beispielsweise zwischen 14 und 21 Millionen Zuschauer die bisherigen Duelle auf Bundesebene. Zum zweiten deckt kein anderes Format eine derart breite Palette an Themen ab und erlaubt es Wählern, nicht nur die Kandidaten und ihre Positionen kennen zu lernen, sondern diese auch direkt zu vergleichen. Und drittens sprechen TV-Duelle in besonderem Maße auch politisch weniger interessierte und daher oft nur schwer zu erreichende Wähler an, sodass sie die Beschäftigung mit Politik anstoßen und den Boden für politisches Engagement bereiten können. Faas und Maier sprechen deshalb zurecht von „Wahlkämpfe[n] im Miniaturformat“.